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Gendern in wissenschaftlichen Arbeiten – welche Möglichkeiten sind zu empfehlen?

Binnen-I, Gendergap, Mediopunkt, Gender-Fußnote, Studierende, ProfX, Studenta, … – bist Du auch so verwirrt von den ganzen Genderregeln? Wenn Du eine pragmatische und undogmatische Orientierung aus dem Blickwinkel einer Betreuungsperson vieler wissenschaftlicher Arbeiten suchst, dann bist Du hier genau richtig!

Warum ich diesen Artikel als nötig erachte

Es handelt sich um ein größeres Thema, das seit vielen Jahren verhandelt wird. Zudem ist seit Dezember 2018 in Deutschland per Gesetzesänderung ein nicht näher spezifiziertes „drittes Geschlecht“ anerkannt.

Das führt sowohl auf der gesamtgesellschaftlich-politischen Ebene, aber auch der internen Ebene vieler Organisationen zu teilweise erhitzten Diskussionen. Und in der Konsequenz zu Unsicherheiten bei vielen Personen, die im professionellen Umfeld Texte schreiben müssen.

Das merke ich unter anderem daran, dass ich immer wieder die Frage nach dem korrekten sprachlichen Umgang mit dem Geschlecht von meinen Studierenden gestellt bekomme.

In diesem Artikel soll es daher vor allem darum gehen, einen pragmatischen Lösungsvorschlag für das Gendern wissenschaftlicher Arbeiten abzuleiten. In den meisten Fällen (außer Du studierst Gender-/Sozialwissenschaften) empfiehlt es sich nicht, bspw. Deine Bachelorarbeit zu einem Schauplatz ideologischer Debatten zu machen.

Oft existieren offizielle Sprachregelungen

In vielen Organisationen gibt es mittlerweile offizielle Sprachregelungen, die von den zuständigen Gleichstellungsbeauftragten entwickelt und abgestimmt wurden.

Insofern empfehle ich Dir: Recherchiere, ob es eine solche Regelung an Deiner Hochschule (beispielsweise als Kapitel in gültigen Richtlinien für wissenschaftliches Arbeiten) und/oder in Deiner Organisation (falls Du Deine Arbeit beispielsweise bei einem Unternehmen schreibst) gibt und orientiere Dich daran.

Im Falle meiner Hochschule existiert eine solche Regelung mit Wirkung für wissenschaftliche Arbeiten derzeit nicht. Das bedeutet im Grunde: Die Studierenden sind frei, das Thema so zu gestalten, wie Sie es persönlich als angemessen betrachten.

In diesem Falle empfehle ich Dir, Dich dazu kurz mit Deiner Betreuungsperson auszutauschen. Du zeigst, dass Du das Thema erkannt hast und nach Orientierung suchst. Erfahrungsgemäß sind die meisten hier recht offen und überlassen Dir die Wahl eines geeigneten Ansatzes aus den Varianten der derzeitigen Diskussion.

Die Generalklausel wird nicht empfohlen

Die sogenannte Generalklausel (oder „Gender-Fußnote“) scheint für viele auf den ersten Blick die bequemste Variante zu sein. Dabei wird, oft per Fußnote, zum Beispiel Folgendes erklärt:

"Aus Gründen einer besseren Lesbarkeit wird in diesem Text die Sprachform des generischen Maskulinums angewandt. Die ausschließliche Verwendung der männlichen Form soll im Folgenden geschlechtsunabhängig verstanden werden."

Diese Form wird mittlerweile überwiegend abgelehnt und auch zunehmend per Erlass aus der offiziellen Amtssprache von bspw. Behörden entfernt. Daher empfehle ich diese Form auch nicht für Deine wissenschaftliche Arbeiten.

Die Paarform liegt schnell auf der Hand

Bei der Paarform werden Frauen und Männer statt mit dem sog. „generischen Maskulinum“ einfach getrennt voneinander in einem Satz erwähnt:

"Für alle Mitarbeiter gilt …" wird nun "Für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gilt …"

Das ist auf der einen Hand einfach umzusetzen und ist verständlich für alle Angesprochenen. Auf den anderen Hand kommt es zu gefühlten Redundanzen und der Text wirkt schnell aufgebläht. Zudem werden nur Männer und Frauen, aber nicht diverse Geschlechter berücksichtigt. Meine persönliche Meinung: eine gute zweite Wahl, wenn es nicht anders geht.

Gendergaps sind auf dem Vormarsch

Die Nutzung von Gendergaps ist nicht nur in Texten zunehmend verbreitet. Auch in der gesprochenen Sprache sind diese Gaps zunehmend als „Genderpause“ zu vernehmen:

Bspw. "Manager:innen", "Ärzt·innen", "Teilnehmer*innen" oder Professor_innen

Als Vorteil kann gelten, dass damit alle Geschlechter berücksichtigt werden. Als Nachteil ist diese Form nicht immer sauber („Kolleg.innen“). Zudem leidet das Schriftbild enorm.

Ähnlich sind auch die sog. Binnen-I’s oder Schrägstriche einzuschätzen, die darüber hinaus nicht alle Geschlechter inkludieren:

Bspw. "MitarbeiterInnen" oder "Abteilungsleiter/in"

Meine Meinung: Wenn Du das möchtest, kannst Du auch Gendergaps oder -sternchen nutzen. Dies dann bitte konsistent. Schön ist das im Schriftbild zwar nicht, wird aber nicht abgewertet.

Ausgefallenere Ansätze

…versuchen, mit neuen grammatikalischen Konstrukten wie „ProfX“ oder „Studenta“ gendersensibel zu formulieren. Neben einem gewissen Unterhaltungswert haben diese lediglich gemeinsam, dass sie noch keine ausreichende Durchdringung in der öffentlichen Diskussion vorweisen können.

Daher sind diese Ansätze momentan für wissenschaftliche Arbeiten (außerhalb von Experimentierumgebungen wie der Genderforschung) nicht zu empfehlen.

Eine neutrale Sprache umgeht viele Nachteile

Genderneutrale Formulierungen verhindern viele der oben dargestellten Probleme:

Bspw. "die Führungskräfte" oder "die Teilnehmenden an der Umfrage" oder  "die Belegschaft" oder "die Studierenden" oder "die Vorstandsmitglieder" ...

Ein Vorteil dieser Technik ist, dass auch alle weiteren „diversen“ Geschlechter mit einbezogen sind. Zudem ist das Schriftbild nicht beeinträchtigt und Deine Betreuungspersonen lesen die Arbeit einfacher. Solange es nicht um eine persönliche Ansprache geht, passt der neutrale Ton auch gut zur geforderten nüchternen Sprache wissenschaftlicher Arbeiten.

Als Nachteil kann gelten, dass es nicht für alle dieser Konstrukte eine Entsprechung gibt (bspw. für „Ärzt·innen“). Zudem klingen manche dieser Konstrukte auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig (u.a. „Mitarbeitende“).

Für wissenschaftliche Arbeiten empfehle ich eine Kombination

Ich persönlich bevorzuge in meinen eigenen Texten genderneutrale Formulierungen. Wenn diese nicht möglich sein sollten, empfehle ich das Ausweichen auf die Paarform.

Dann wird aus bspw. „Ärzt·innen“ dann „Ärzte und Ärztinnen“. Als Resultat hast Du ein relativ sauberes Schriftbild und inkludierst überwiegend alle Geschlechter in Deiner Sprache.

Fazit: Wenn Du aufgrund fehlender Regelungen freie Hand hast, ist die dargestellte Kombination ein pragmatischer Weg, um Deine wissenschaftlichen Arbeiten zu gendern!

  1. Hannah

    Sehr guter und pragmatischer Lösungsvorschlag! Danke 🙂

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